Der Kaschmirfaden

Veröffentlicht auf von rolf

Der Kaschmirfaden

 

 

Es gibt Momente und Augenblicke, wo „Mann“ das Leben als gut, schön und gerecht betrachtet. Das sind solche Lichtblicke, an denen selbiger mit sich und der Welt eins, ja richtig zufrieden zu sein scheint. Nichts hat die Kraft, einen aus dieser kurzen, aber um so intensivieren Phase der inneren Zufriedenheit zu reissen.

An solch einem herrlichen Sonntagmorgen, war ich mit unserem Hund auf der allmorgendlichen „Darmentleerungsrunde“. Nicht nur wir Menschen haben das Bedürfnis nach Bewegung, sowie der Morgentoilette. Auch besagter Hund, welcher übrigens sehr intensiv mit dem Schwanz wedelt und die Hundeohren spitz, wenn man ihn Timmy ruft.

Bewaffnet mit Taschen voller Hundeleckerlies, Kackbeutelchen, einem Limit an Lungentorpedos, sowie einem Sack voller guter Laune, zog mich Timmy an den Thuner See.

Wir beide kennen diese Laufrunde schon in und auswendig. Eigentlich könnten wir sie fast blind gehen. Der Hund weis genau wo er mich lang zu schleifen hat, ich schon orakelsicher, an welcher Stelle das Bein gehoben, der Darm entleert wird. Timmy vom Leinenzwang endlich befreit, stürmte wie ein junges Fohlen dem Seeufer zu, um an den Düften seiner vierbeinigen Verwandtschaft sich zu berauschen, ich mich endlich an meiner „Sonntagsmorgenrundenzigarette“. Wie gesagt. Das Leben konnte eigentlich recht angenehm sein. Jedenfalls in solchen Augenblicken der Ruhe. Mein Blick ging in Richtung Alpen. Es war ein Anblick, welcher mich all die Sorgen jedes Mal vergessen lies. Der Sonne bei ihrem beschwerlichem, aber nicht desto schönerem Aufstieg über die Berge zu beobachten, war Entschädigung genug, für das frühe Aufstehen an diesem Tag.

Timmy kämpfte mit einem „Ästchen“, welches doppelt so groß war als er. Aber er hatte seinen Spass, war im Augenblick ganz gut beschäftigt. So oder ähnlich muss der Himmel sein. Wasser, Schnee bekleckerte Berge, Sonnenaufgang, fast blauer Himmel und ein mit einem Baumstamm kämpfender Junghund. Leute, ich fühlte mich Sau wohl. Eine Art John Wayn der Schweizer Berge.

 

So ganz in Gedanken, bemerkte ich nicht, wie aufgeregt Timmy etwas apportierte. Das Bellen lies keinen Zweifel an der Wichtigkeit der Sache offen. Also musste ich mich aus meinem Traum reissen, um nach zu schauen, was meinen Hund zu solch einer akustischen Sondereinlage veranlasste.

Besagter Freund des Menschen, stand mit erhobener Rute, leicht gesträubtem Nackenfell, etwas nach vorn gebeugt, um einen unscheinbaren Faden an zu bellen. Richtig. Einen schnöden,stink normalen Wollfaden. Dieser Bindfaden war zwar ziemlich lang und schillerte sogar recht hübsch in den Farben eines Regenbogens. Aber das täuschte nicht über die Tatsache hinweg, das dies ein normaler ca. 40 cm langer Strickfaden war.Also was sollte diese Aufregung des Hundes? Es war nicht so einfach, Timmy davon zu überzeugen, das ihm keine Gefahr von diesem Lindwurm aus Kaschmirwolle drohte. Moment Mal. Kaschmirwolle? Ist das nicht das Zeug, was viele Frauen gerne in Form von Pullovern tragen? Wieso komme ich auf Kaschmir? Also beugte ich mich, um dieses „mysteriöse“ Objekt etwas genauer unter Augenschein zu nehmen. Es war wirklich Kaschmir. Aber wie kam ein solcher „teure“ Faden hier her? Seeufer, frauenloser Kaschmirfaden... nun erst verstand ich Timmys Aufregung. Welche Dame würde sich schon freiwillig von solch einem edlem und teurem Stück trennen? Plötzlich sah ich in meiner Fantasie, überall Pulloverteile nebst weiblichen Inhaltes in den Büschen am Seeufer liegen. Jedes Kleidungsstück sah natürlich anders aus. Genauso wie die weiblichen Hauptdarsteller jenes Horrorszenarius, welches ich im Gedanken durchlief. Der Thuner Seestrand wimmelte auf einmal nicht nur von Frauenleichen, sondern auch von Polizeibeamten und überdimensionierten Fotoapparaten der Presseleute. Denn wo ein Serienkiller es auf Kaschmir tragende Weiblichkeiten abgesehen hatte, war die Boulevard - und Modepresse auch nicht weit. Und ich natürlich mitten drin. Rolf von links, von rechts, von vorne und von hintern. Wie ich mich nach jenem ominösen Faden bückte. Mal im Laufschritt, dann wieder leicht nachdenklich mit Denkerstirn auf einem Stein hier am See sitzend. Der Sonnenaufgang in den Bergen als Hintergrund, extra Scheinwerfer aufgebaut wegen der besseren Ausleuchtung des Gesichtsprofiles. Statisten die eimerweise Kaffee reichten und ich in einen Kaschmirschal gehüllt. Schließlich kann man sich beim stunden langem Fotoshooting leicht erkälten, was nicht gut auf den Hochglanzfotos ankommt...

Timmy holte mich mit einem lautstarkem Bellen, wieder aus meinem „Paralleluniversum“ der Träume zurück. Richtig der Kaschmirfaden. Natürlich lag im Umkreis des „Fadentatortes“ weder ein Kaschmir bekleideter Frauenkörper, noch andere Bekleidungsstücke, die auf ein Verbrechen schließen liesen. Nichts als „vergessene“ Bierdosen, Plasteflaschen und anderer Unrat, kreisten unordentlich, aber systematisch den Kaschmirfaden ein.

Aber wer um alles in der Welt verliert hier in der vorwinterlichen Badesaison einen solchen Faden?. War es mit Absicht? Oder hatte bewusste Person ihn durch einen Streit gar Gewalt verloren? Wusste jene Dame nicht wie wertvoll solch ein Pulli aus besagter Wolle ist? Hatte sie wirklich keine Ahnung wie aufwendig es war, solch ein edeles Stück Stoff herzustellen? wie viele Ziegen nötig waren nur alleine um einen Schal aus der begehrten Kaschmirwolle zu Weben? Vorallem wie viele Kinderhände erforderlich sind, vom Schaf bis zum Endprodukt?

Genau Kinderarbeit. Kaschmir kommt doch aus Nepal oder so, fing ich an mich zu erinnern. Hohe Berge und Kälte. Armut, Kriege und Leid. Billiglohn. Kleine Kinder in dunklen, miefigen Räumen, Ausbeutung. Ich begann den Faden mit dem Fuss zu treten, zu hassen. Du blöder Faden, hast schon für viel Leid gesorgt, andere unermesslich reich gemacht und bist hier wahrscheinlich noch in irgendeine krumme Sache verwickelt. Was willst du eigentlich hier? Warum musstest du ausgerechnet heute, an meinem heiligem Sonntagmorgen mir so sinnlos vor den Füssen rum liegen?

Timmy schaute erst mich, dann jenen Wollfaden skeptisch an. „Wenn Herrchen den Strick hier treten kann, darf ich auch Bellen.“, musste er sich gedacht haben. Jedenfalls holte seine lautstarke Dokumentierung der Situation, mich ein drittes Mal an diesem Morgen in die Realität zurück.

Zuerst beruhigte ich den Hund, danach mich. Genau. Was konnte dieser kleine arme Kaschmirfaden dafür, das er Frauenlos hier rum lag. Zumal der Rest seiner Wollfamilie auch nicht in Sicht war. Sicherlich lag er schon viele Tage unbemerkt hier. Weitab vom Kaschmir und seiner Geburtsziege. Er tat mir leid. Ich wusste was es heißt alles verloren zu haben. Ich beschloss, ihm wenigsten das letzte Geleit zu geben. Vorsichtig hob ich den durchnässten Rest auf, trug ihn behutsam zu einer nahe gelegenen Eiche. Der alte Baum erschien mir recht, als letzte Ruhestätte des Bindfadens in Frage zu kommen.Mit dem Schuh scharrte ich eine kleine Grube, in die ich das Opfer unglücklicher „Verstrickungen“ sachte ablegte. Hier sollte er nun für ewig ruhen, vielleicht Eingang in den Kaschmirhimel zu all den anderen Ziegen finden. Etwas Laub als Grabschmuck auf die zugeschüttet Furche und fertig.

Timmy war der Meinung das dies ein neues Spiel sei. Aus diesem Grund hob er sein Bein und setzte noch eine hundetypische Markierung auf die Blätter. Er wedelte mit dem Schwanz, schaute mich dabei ganz lieb an und lief einfach weiter. Ja.... so geht das



 

 

 
    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Geschichten

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Mamü 11/20/2008 09:43

Hallo Rolf,ich habe mich köstlich amüsiert. :-) Ich kann solche Phantasien sehr gut nachvollziehen. Mir geht es auch manchmal so. Und das Anbellen eines Fadens... ja so etwas in der Art kommt mir auch bekannt vor. Sobald irgendetwas, sei es ein Schild oder ein Stück Plastiktüte, auf unserer Spaziergehrunde da rumliegt oder steht, was vorher nicht da war, wird es erst mal misstrauisch von meinem Hündchen beäugt und notfalls angebellt. Ich muss jedes Mal darüber lachen.Das Foto von Timmy ist süß.Liebe Grüße,Martina

kralle 11/20/2008 14:14


Hallo Martina.


Ist ne Überraschung und Freude ( also in einem ) dich hier zu treffen. Ich meine vir zu finden. Habe ich dich jetzt "getroffen"?
Die Spaziergänge mit Timmy möchte ich für nix in der Welt hergeben. Weder früh, noch am Abend. Gut am Wochenende könnte es schon manchmal ein anderer übernehmen. Du weist schon. Wegen Ausschlafen
und so...

Kleine Geschichten fallen mir immer ein bei solchen Runden. Selbst nur das Beobachten, wie der Hund seine Umwelt aufnimmt, erlebt und verarbeitet ist schon interessant und lustig. Und wenn dann
noch ander Leute vielleicht mit im Spiel sind, wird es richtig spannend. Und du weist ja selber, was solche kleine "Ratten" die erst ein paar Monate alt sind, für herliche "Dummheiten" anstellen
können. Das wiederrum regt sehr die Fanztasie an. Da gebe ich dir recht.
Jedenfalls Danke dir nochmals fürs Vorbeischauen und hier melden.


LG Rolf


Dodo 11/16/2008 21:38

Rolfi!
Herrlich! Da ist sie wieder, deine von mir so bewunderte Phantasie mit köstlichem Humor gewürzt. Endlich kann ich dich wieder im Netz lesen!
:-)
Dodo

kralle 11/17/2008 16:31


Oh Dodo. Die Fantasie war eigentlich nie fort. Vielleicht ein wenig verschüttet...  ;-)
Aber es geht wieder aufwärts.  ;-)
Danke dir fürs Vorbeischauen und Lesen.

LG Rolf


Dornen (Ika) 11/16/2008 20:28

Hallo Rolf,
du hast ja schon richtig was geschrieben.
Und, wie schön, Timmy ist dabei. ;-)
Ich konnte mir diesen Spaziergang gut vorstellen.
Sah Dich ebenso umringt von Frauenleichen. *hihihi*
Du hast eine tolle Phantasie, erhalt sie Dir! ;-)
Herzlichen Gruß
Ika

kralle 11/17/2008 16:37


Hallo Ika.


Du weist doch, Timmy ist ein sehr wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Er wird es auch bleiben. ;-)
Und das mit den Leichen... wenn du wüsstest wieviele noch in meinem "Keller" lagern.
Auserdem musste ich mich doch schon sehr kurz fassen. Sonst hätte ich euch noch mit in die Katakomben der Gerichtsmedizien mitgenommen. Weist du, dort wo in den "begehbaren" Kühlschränken die
"Ware" mit dem "Verfallsdatum" in Form eines "Kaschmirfadens" am Fuss rum liegt. :-)
Also bis zum nächsten "Ausrutscher" hier, sowie selber viel Erfolg bei der Steigerung deiner Qualitätsansprüche. ;-)

LG Rolf