1972 - 1974

Veröffentlicht auf von kralle

1972 Neubeginn - 1974

 

 

Unsere Dorfschule platzte mittlerweile dank der familienpolitischen Planung der DDR aus allen Nähten. Die Klassen waren mit bis zu 35 Schülern überfüllt, die Lehrer entsprechend überfordert. Viele Eltern forderten aus diesem Grunde eine Verbesserung der Lernmöglichkeiten ihrer Kinder. Ich fand diesen Zustand gar nicht mal so übel, hatte ich mir doch dank meines Alters ( ich war fast ein Jahr älter als meine Klassenkameraden ) sowie der entsprechenden körperlichen Verfassung einen entsprechenden Platz an erster Front erkämpft. Aber alle Ein- und Widersprüche meiner Mutter gegenüber halfen nichts. Natürlich wollte die gute Frau nur das Beste für ihren „Sohnimatz“. Der Schulwechsel war beschlossene Sache und auch schon genehmigt. Mit einigen anderen Schülerinnen und Schülern der Dorfschule bedeutete dies den „Neubeginn“ an einer anderen, grösseren Lerneinrichtung in der nahe gelegenen Bezirkshauptstadt. Nun war es ja nicht so, dass ich was gegen eine Grossstadt gehabt hätte. Aber ich war in unserem Dörfchen gut aufgehoben, hatte da all meine Spiel- und Prügelkameraden. Die Schule war überschaubar, die Marotten und Schwächen der Lehrer bekannt. Doch hier sollte alles nicht nur anders sein, sondern auch entsprechend anders werden.

 

Das neue Schuljahr besuchte ich also ab der 4. Klasse an der „Karl Liebknecht Oberschule“. Auch kurz 4. POS ( polytechnische Oberschule )genannt.

Es war keine Schule, wie ich sie bisher kannte. Alleine die Grösse jenes Altbaues war so imposant, dass die Gänge in diesem Gebäude sich mir wie ein Labyrinth der unglücksseligen Verheissung offenbarten. Tag täglich gingen hier fast 1000 Schüler ein und aus, wurden von einer unübersehbaren Heerschar von Lehrern zu gehorsamen Staatsdienern „manipuliert“. In diesem „konzentrierten Lager“ von Ameisen, sollte, nein musste ich nun die nächsten 7 Jahre das Märtyrium eines jeden Schülers durchlaufen.

Allerdings gab es schon gleich zu Beginn Probleme und Schwierigkeiten. Mit mir. Zu jener Zeit pflegte ich noch konequent mein Imago des ewig „zu spät Kommenden“. Was in einer Dorfschule unter Berücksichtigung persönlicher Gespräche und gekonnt konstruierter Ausreden funktionierte, schien hier auf taube Ohren, zumindest Nichtverständnis zu stossen. So lernten meine Mutter und ich in kürzester Zeit schnell das Büro der zuständigen Direktorin kennen. Frau Wirkner hiess die mit einer unübersehbaren Körperfülle gesegnte Dame. Ihre Stimmkraft allerdings übertraf meine tollkühnsten Vorstellungen, die ich von einer Dampfmaschine hatte. Dank der angedrohten disziplinarischen Massnahmen, welche sich besagte Frau vorbehielt, sowie der bitterbösen Blicke meiner Mutter in meine Richtung gab ich mein „Pionierehrenwort“ mich dem hiesigem System anzupassen und mich zu bessern. Dieses „Pionierehrenwort“ galt jedenfalls noch bis zur 6.Klasse etwas. Man wurde an diesem Versprechen gemessen und auch entsprechend zur Rechenschaft gezogen.

Die schlimmste Konsequenz für mich allerdings ergab sich daraus, da meine Mutter schon um 5 Uhr in der Frühe das Haus verliess, dass ich jeden Morgen um 4:40 Uhr von „Mami“ geweckt wurde. So hatte ich auch keine Chance mehr mich später wieder schlafen zu legen, da nun putzmunter.









In jener Zeit allerdings, gepeinigt durch die Langeweile, schliesslich galt es die Zeit von 5 bis 6:45 Uhr zu überbrücken, entdeckte ich meine Liebe zu dem geschriebenen Wort im Allgemeinen, zu den Büchern im Besonderen. Ich fing an wie ein Verrückter alles zu lesen, was mir unter die Finger und Augen lief. Vom billigem Schmöker bis hin zu Büchern, welche meine Geschwister bei ihrem Auszug von zu Hause vergessen hatten. Mittlerweile lebte ich mit meiner Mutter alleine. Vieles, was in einigen Büchern stand, verstand mein noch ungeformtes Hirn nicht. So blieb es nicht aus, dass ich zum Entsetzen meiner Mutter und teilweise meiner Lehrer Fragen stellte, auf die sie gar nicht vorbereitet waren. Da die Antworten in den meisten Fällen immer ziemlich dünn und für mich unbefriedigend ausfielen, suchte ich durch neue und andere „Lektüre“ mir Zugang zu entsprechendem Wissen zu organisieren.

Von materiellen Engpässen, welche die damalige DDR im Würgefriff hielten, bemerkte ich absolut nichts. Wie auch, wenn ich viele Sachen, die ich in Büchern sah, in der Realität nicht kannte, die Mangelerscheinungen zu einem „gewohnten“ Dauerzustand wurden, welchen man schon auf Grund der Gewohnheit gar nicht mehr bemerkte.




( dieses Video ist auf Grund seiner Werbung in Bezug auf die tasächliche damalige Versorgungssituation mit Vorsicht zu bewerten )


In der Zwischenzeit,gingen meine zwei Brüder den Weg des erwarteten „normalen“ sozialistischen Bürgers. Sie traten in die Partei der SED ein und damit viele Jahre aus dem persönlichen Sichtbereich meines Lebens aus. Nicht dass wir Geschwister keinen Kontakt mehr hatten, aber jeder von ihnen hatte nun andere Probleme und damit verbunden eigene Familien.

Die Zeit schleppte sich grausam und mühevoll dahin. Ich passte mich langsam aber sicher den Gegebenheiten des für mich neuen Lebensbereiches immer mehr an, lernte neue Freunde kennen. Meine schulischen Leistungen waren nicht so berauschend wie erwartet, aber auch wieder nicht so schlecht, dass es für ein Eingreifen gereicht hätte. Schliesslich war ich in der Beziehung auf mich alleine angewiesen, da meine Mutter auf Grund ihrer Arbeitszeiten für lerntechnische Fragen und Antworten nie Zeit hatte. Das wiederum bedeutete aber auch, dass ich in vielen anderen Sachen mehr Spielraum und Handlungsfreiheit hatte, als vielleicht andere in meinem Alter. Es begann damit, dass ich zwar früh in die Schule ging, aber niemand kontrollieren konnte, was der Knabe nach 16 Uhr so trieb. Zudem ging der Schulhort bei uns nur bis zum Ende der 4.Klasse. Trotz sozialpädagogischer Massnahmen reichten die erwünschten Kapazitäten dieser Einrichtung in den meisten Fällen an keiner Schule aus. Meine Mutter war ja fast immer erst gegen 19:30 Uhr zu Hause. Mein Handlungsspielraum also gesteckt und entsprechend gross. Und ich trieb es manchmal mit meinen Freunden recht „bunt“.

 

Irgendwann in dieser Zeit wurde ich mit vielen anderen auch in die Reihen der „Thälmannpioniere“ aufgenommen. Dies war wiederum ein weiterer beabsichtigter Schritt zur Erziehung sozialistischer „Persönlichkeiten“. Im Sinne von Ernst Thälmann sowie den Klassen - und Waffenbrüdern der sozialistischen Staatengemeindschaft begann eine neue Maschinerie sich zu bewegen um uns die Glaubensideologie des Sozialismus/ Kommunismus beizubringen. Im Klartext hiess das nun verstärkte Pioniergruppennachmittage, Übertragung von verantwortungsvollen Positionen wie z.B. Milch - und Essensgeldkassierer, „Bankreihenbrigadeleiter“, Wandzeitungsredakteur, Blumendienst, Spendenbeitragskassierer, Tafelwischer ( kein Witz ), und vieler anderer Positionen mehr. Am Ende hatte jeder in der Klasse eine Funktion und wir waren absolut gut durchorganisiert. Komischerweise fand ich irgendwann auch in jener Zeit einen gewissen Zugang zum „Lernen“. Ich fing an mich für den Schulstoff ernsthaft zu interessieren, setzte das Erlernte entsprechend um. Auf einmal hatte ich in der Schule Erfolge vorzuweisen. Ich glaube, am meisten waren meine Lehrer und meine Mutter über diesen Sinneswandel von mir überrascht. Es erfolgten „Belobigungen“ und „Ehrenauszeichnungen“. Irgendwie war es mir peinlich, aber ich freute mich über jedes Buch, das ich als Geschenk nun erhielt. Und derer gab es viele. Irgendwann schaffte ich es in meinem „Bildungswahn“ sogar für drei Wochen zu einem Schüleraustausch in die damalige CSSR deligiert zu werden. Allerdings stiess das wieder einmal an die finanzielle „Schmerzgrenze“ meiner Mutter. Keine Ahnung, wie sie es am Ende doch noch hinbekam. Ich durfte drei schöne, lange Wochen in der Stadt Plzen bei einem Gastelternpaar die Freundschaft anderer Menschen geniessen. Es war spannend und interessant zugleich, da ich bis zu diesem Augenblick ausser vor die eigene Haustür noch nie die Gelegenheit erhalten hatte woanders mal Urlaub zu machen. Entweder reichte das Geld nie, oder aber die Ferienlager waren überfüllt. Und so kam es dann auch immer, dass ich in den acht Wochen der Sommerferien die meiste Zeit alleine zu Hause verbrachte. Und das ohne „Fernseher“. Aber ich hatte ja „meine“ Bücher. Es war die Zeit, in der ich Anschluss an diesen Moloch von Schule fand. Es war auch die Zeit des „Lernens“ für mich und des Akzeptierens der anderen „Mitschüler“. Und das sogar ohne meine einstigen „schlagkräftigen“ Argumente. In dieser Zeit verabschiedete ich mich von meinem „Kindergartenberufswunschtraum“ des Panzerfahrers. Ich wollte nun „Schriftsteller“ werden.

 

 

 

Übermorgen geht es mit der „Sturm und Drangzeit“, der Jugendweihe und der ersten Erfahrung meiner „Männlichkeit“ weiter.

Bis dahin wünsche ich euch noch was....

 

 

 

rolf

 


Veröffentlicht in Zeitreise

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th 02/11/2009 13:17

jetz mach aber mal keinen schei..... einfach hier abhauen gilt nicht.bleib mal schön hier und mach weiter.

kralle 02/11/2009 15:36


Kommt mir doch irgendwie bekannt vor.... Ich warte ja nur auf das neue Betriebssystem und das ich es vernünftig hier drauf
bekomme.
  LG rolf


Volker 02/10/2009 17:58

Natürlich kommt mir einiges bekannt vor, auch wenn ich erst JG 68 bin. Wir waren auch vier Kinder und wurden dabei z.T in die Region "Assozial" eingestuft. Meine Leute hatten auch nicht die Kohle, dass wir jedes jahr in Urlaub fahren konnten. Wir sind beizeiten in den ferien arbeiten gegangen um unser spärliches Taschengeld aufzumöbeln. Freue mich auf die Vortsetzung. LG Volker

kralle 02/10/2009 18:33


Willkommen im Club der "Assozialen". Aber wenigstzens haben es die meisten am Ende doch "noch" geschaft. Aber wenigstens weist du von was ich hier rede. Und das kann schon manchmal nützlich sein, sich auf bestimmte "Werte" wieder
berufen zu können.
Ausserdem ist der 68 Jahrgang auch noch in jener Zeit, wo man ab und an den Strom abdrehte, oder Kohlen und Kartoffeln es nur auf "Zuweisung" und Bedarf gab. Zumindest musste man es "Vorbestellen"
und oft auch in "Vorkasse" gehen.



LG rolf


druide 02/10/2009 07:56

was ist mit rolf los? irgendwie vermisse ich ihn ............ferien, krank, im lotto gewonnen oder was? mal sehn!    gruss druide

kralle 02/10/2009 17:49


Irgendwie liegst du mit allem etwas richtig. "Ferien" habe ich nun schon seit fast 4 Monaten. Krank im Kopf bin ich seit Vista mit mir macht was es will und Overblog dem ganzen ab und an die Krone aufsetzt. Im Lotto habe ich auch gewonnen. Anschliesend habe ich noch 5 Franken draufgelegt, um meiner Maus nen Blumenstrauss zu kaufen.

Ich hatte in den letzten Tagen Probleme mit meinem Rechner. Nichts ging...geht immer noch nicht. Aber nicht mehr lange. Warte nur noch drauf endlich XP wieder zu bekommen.....und dann Overblog und Vista....können sich warm anziehen. Dann binn ich nicht mehr auf "Fremdrechnerzeit" angewiesen.
Es geht bald weiter in diesem "Affenstall" hier. Das ist kein Versprechen, sondern eine "Androhung"".
Danke übrigens für die nette "kondolenz".


LG rolf


th 02/09/2009 15:07

Wie ich sehe gibt es wieder eine neue optik.Das gelb sagt mir persönlich jetzt nicht soooooooooo zu, ist ein wenig grell.

kralle 02/10/2009 17:31


Hallo Thomas.

Ich persönlich ziehe viel wärmere Farbtöne vor. Das was hier zur Auswahl steht mag ja viel sein, aber es entspricht nicht ganz meinen Vorstellungen. Da ich eh wieder mal Probleme mit meinem
Betriebssystem und einigen Anwendungen hier habe, werde ich nun doch das System wechseln und langsam eine eigene "Seite" konstruieren. Bis es soweit ist, wird Overblog allerdings noch meine
Plattform bleiben. Möchte doch nicht gleich alle Leser und Besucher verlieren.



rolf


Volker 02/07/2009 23:42

Bin ja auch ein Sohn der DDR. Ist schon irgendwie irre, wie systematisch man da eigentlich manipuliert wurde. Sicher, in dem Alter hat man dies alles noch nicht so wahr genommen. Bin auf deine pupertäre Zeit gespannt. LG Volker 

kralle 02/10/2009 17:26


Hallo Volker.

Danke fürs Reinschauen. Wenn du selber ähnliche Erlebnisse hattest, wird dir sicherlich auch einiges bekannt vorkommen. Vielleicht erweckt das sogar Erinnerungen?
Es geht auf alle Fälle bald weiter hier.


rolf