1975 - 1977 Teil 3 Zeitreise
1975 - 1977 Arbeitserfahrungen
Teil 3 „An nichts gewöhnt man sich so schnell, wie an das langsame Arbeiten.“
( Ernst Hauschka )
Das Erste, was ich während der produktiven „Lebenseinführung“ der damaligen Zeit lernte, lässt sich am besten mit den Worten von John D. Rockefeller umschreiben:“Ich arbeite nach dem Prinzip, dass man niemals etwas selbst tun sollte, was ein anderer für einen erledigen kann.“ So in etwa war die Moral in einigen Fabrikationsstätten des sozialistischen Bruttosozialproduktes. Hinzu kam, dass entweder kein Material in ausreichender Masse vorhanden war, oder da, wo es keinen Materialengpass gab, stand zeitweilig die Produktion auf Grund von Arbeitskräftemangel still.
Meine Motivation war natürlich gewaltig, als ich das erste Mal zur Arbeit durfte. Allerdings war dies auch mit einigen sehr grossen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten verbunden. Zum einen musste ich schon um 2 Uhr in der Nacht mich aus dem Bett bemühen und zum anderen fuhr um 3 Uhr noch kein Bus oder sonstiges kostengünstiges Nahverkehrsmittel zu der ca. 20 Kilometer entfernten neuen Wirkungsstätte, bei der um 4 Uhr der Fleischkutter in Gang gesetzt wurde. Also organisierte ich mir ein einigermassen fahrtüchtiges Fahrrad und fuhr jeden Tag die Strecke per Rad zur Arbeit hin und zurück.
Die zwei Kollegen in jenem Bereich waren zwei gestandene Mannsbilder von sozial - kapitalistischen DDR-Fleischern. Ihre Oberarme konnten es locker mit dem Umfang meiner Oberschenkel aufnehmen. Die Stimmgewalt ihrer Kehlen produzierten Klangabfolgen, die selbst den Lärm der laufenden Maschinen um ein Vielfaches übertrafen. Was auf Grund fehlender Sicherheitseinrichtungen auch überlebenswichtig war.
Und so lernte ich kennen, was ich lieber nicht gewusst hätte: Die Zutaten und sonstigen Verfahrensweisen, welche von Nöten sind, „unser täglich Brot“ mit der entsprechenden Wurst zu belegen. Das war auch jene Zeit, wo ich meine Vorliebe für Molkereiprodukte entdeckte. Seitdem wunderte es mich auch nicht mehr, dass jeden Tag mindestens zwei Flaschen klaren Doppelkorn zwar nicht in die entsprechenden Wurstmassen, aber zumindest in die Kehlen der „Fleischer“ umgefüllt wurden. Ich lernte zielsicheres Spucken in eine ovale Büchse aus drei Meter Entfernung, dass effektive Schmuggeln von diversen Rindfleischhälften aus der Fabrik, sowie das lohntechnische Überziehen des Überstundenbugets zum Wohle der monatlichen Gehaltsabrechnung. Es dauerte auch keine 10 Tage und man trat an mich heran mit der Frage, ob ich nicht Lust hätte meine Ferienarbeit zu verlängern. Das Geld war wie gesagt für meine Verhältnisse ein gewichtiges Argument. Hinzu kam, dass ich mich nicht nur mit den einzelnen Produktionsabläufen der „Brühwurstabteilung“ recht schnell vertraut machen konnte, sondern die Arbeit auf ihre Art mir sogar Spass machte und mein jugendlicher Körper sich recht schnell an die morgendliche 8-Uhr-Kornration gewöhnte. Also willigte ich ein, blieb noch ganze 4 Wochen zusätzlich und lernte dadurch E. kennen.
Was für eine Braut. Da stimmte einfach alles. Sie war ebenfalls durch Ferienarbeit in das Thüringer Fleischkombinat durch ihren Vater, der hier Lehrausbilder war, gekommen. Frecher Blick und flotte, versaute Sprüche aus diesem zarten Mund erweckten natürlich nicht nur mein persönliches Interesse, sondern auch meine ganze „männliche“ Aufmerksamkeit. Was anfänglich mit zartem Bewerfen von „Fleischmasse“ in beiderseitige Richtung anfing, endete irgendwann in sintflutartigen Sturzbächen meiner roten Blutkörperchen in den dafür extra vorgesehenen „Fortpflanzungsbehälter“ am anderem Ende meines Körpers. So kam es, dass ich trotz des zeitigen Aufstehens um 2 Uhr in der Frühe, meistens erst gegen 23 Uhr zu Hause war. Natürlich war Mama über dieses Leben nicht im mindesten begeistert. Da es sich aber um die Tochter eines „guten“ Kollegen handelte, schien sie am Ende keine weiteren „Argumente“ mehr vorbringen zu können. Das hatte nichts mehr mit Liebe zu tun, war reine beiderseitige Fleischeslust im wahrsten Sinne des Wortes. Aus diesem Grund stellten wir beide nach den Sommerferien fest, dass jeder noch ein Leben hat und der andere irgendwie keinen richtigen Platz darin finden würde. So waren diese ersten produktiven Sommerferien für mich in jeder Hinsicht eine „bleibende“ Erfahrung.
Die Ferien neigten sich dem „wohlverdienten“ Ende zu, das neue Schuljahr wartete mit vielen neuen und zum Teil weniger angenehmen Überraschungen auf mich. Vorallem aber würde es das Jahr werden, wo vielen der berufliche Weg vorgelgt werden sollte, wir in die FDJ ( Freie Deutsche Jugend ) und damit verbunden in den Kreis
der Erwachsenen eingespannt werden würden. Es war das Jahr meiner Jugendweihe.