1975 - 1977 Teil 4
1975 - 1977 Teil 4
8. Klasse / der Weg zur Jugendweihe
Achte Klasse. Neue Unterrichtsfächer, eine Klassenlehrerin frisch von der „Puddingschule“ und halberwachsene Gesichter in der Klasse. So jedenfalls begrüsste das neue Schuljahr den lieben Rolf. Und wie jedes Jahr gab es nicht nur viel zu erzählen, sondern auch zu bestaunen. Die einen waren satte drei Wochen mit Mama und Papa doch wirklich an der Ostsee auf Urlaub gewesen. Andere hingegen hängten den Status der Besonderheit herraus, indem man in jeder Pause jedem berichtete der es auch nicht wissen wollte, das man in Bulgarien beim „Ja“ sagen mit dem Kopf schüttelt. Da ich zu denen gehörte, die ihre Ferien in einem VEB und in den Armen einer etwa gleichaltrigen Schönheit verbringen durfte, fiel mein Ferienbericht etwas zurückhaltender als gewohnt aus. Vielleicht lag das auch daran, dass ich mich nicht nur hormonell, sondern auch irgendwie anders verändert hatte.
Das fing schon damit an, das ich plötzlich Interesse fürs Theater entwickelte.
In unserer Tageszeitung ( Volkswacht ) stand eine Anzeige, in der nach Statisten und Sänger im Extrachor dringend gegen entsprechende Bezahlung gesucht wurde. Die Noten konnte ich zwar immer noch nicht, aber meine Stimme und mein Gedächtnis in Bezug auf Melodien, hatte schon in manchen Situationen meine Musiklehrerin mit den Kopf schütteln lassen, sie an den Rand des Wahnsinns gesungen. Ich bewarb mich also und wurde nach einem entsprechendem Probesingen auch genommen. Der Hauptgrund dürfte aber wahrscheinlich die Körpergrösse von fast 1,90 m gewesen sein. Und so kam es schlieslich, das ich bis zum Abschluss der 10. Klasse einen grossen Teil meiner Freizeit nicht nur auf der Tatami, sondern auch auf den Bühnen der Stadt verbrachte. Bretter die die Welt bedeuteten.
Sportlich war Judo meine zweite und aktive Leidenschaft gewurden. So ergab sich automatisch, das ich immer weniger Zeit für das andere Geschlecht erübrigen konnte und man staune, zum damaligen Zeitpunkt auch opfern wollte. Hinzu kam noch die „kleine“ Nebensächlichkeit von Schule. Was bis dato noch relativ mit links abging, ardete schliesendlich am Anfang in Lernarbeit aus. Schuld daran waren Fächer wie PA, ESP, TZ usw. ( produktives Arbeiten, Einführung in die sozialistische Produktion, Technisches Zeichnen ) Bei jeder grösseren Arbeit sass die Angst im Nacken es nicht zu schaffen, da in der 8. Klasse die Weichen für die spätere Berufswahl gestellt wurden. Ausserdem hatte ich mich entschlossen doch das Abi zu machen. Allerdings bedeutete das auch noch mächtig an der „Notenschraube“ zu drehen. Und ich dreht und dreht und drehte.
Am Anfang des Schuljahres begannen auch die Vorbereitungen für die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen. Kurz auch Jugendweihe genannt. Das bedeutete FDJ ler werden und alle zwei Wochen an einem Nachmittag zur „Jugendstunde“ zu gehen. Es war Pflicht dabeizu sein. Es wurde über die sozialistischen Erungenschaften der DDR genauso referiert,wie über die Arbeiterbewegung der ganzen Welt und ihrer Geschichte. Es waren „Genossen“ aus Patenbetrieben genauso anwesend, wie - wär hätte das vermutet damals - ein oder zwei Personen in Zivil, die sich aber meistens in Gesprächsrunden zurück hielten. Es begann nun eine systematische „Selektierung“ der zuküunftigen staatstreuen DDR Bürger. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst was gewisse Fragen und Einwürfe auf meine weitere Entwicklung für einen Einfluss haben könnten, wäre ich wahrscheinlich wie viele aus meiner Klasse nur noch zum „Abnicken“ dahin gegangen. Aber eine gewisse Unwissendheit und Naivität reichten vollkommen aus, um den Zug mit mir an Bord in eine ganz andere Richtung fahren zu lassen. Wie ich später nach vielen Jahren sogar erfahren musste, hatte ich sogar noch Glück gehabt. Jedenfalls wusste ich damals noch nicht, das mein Wunsch einmal Astronomie und Literatur studieren zu könne, genau in diesen Jugendstunden ziemlich zunichte gemacht wurden. Ja selbst später bei der Suche nach dem Traumberuf bekam ich die Nachwirkungen jener Nachmittage zu spüren.
Aber zu dem Zeitpunkt konnte ich es weder wissen oder auch nur erahnen. Ich verbesserte meinen Notendurchschnitt von 2,8 auf 1,6 . War aktiv an jedem zweiten Wochenende zu irgendwelchen Judowettkämpfen unterwegs und war mit Hezblut bei der Vorbereitung von „Salome“ am Theater jeden zweiten Abend in der Woche beteiligt.
Schule, Sport, Theater, Jugendstunden. So verlief die Zeit wie im Fluge. Ich bemerkte es nicht einmal, hatte für andere Sachen - selbst Dummheiten im Sinne von Jugendstreichen - zu diesem Zeitpunkt weder Zeit noch Nerven. Aber mir ging es gut und meine Mutter machte sich nun auch keine Sorgen mehr, wenn ich immer öfters erst nach 24 Uhr zu Hause eintraff. Obwohl sie ja auch jeden Tag selber um 4 Uhr aufstehen musste, nahm sie sich immer die Zeit, wartete auf mich, um zu erfahren wie mein Tag war, ob es was neues bei mir gab. Anfänglich fand ich es stark übertrieben und komisch. Es kam mir wie eine Art Bevormundung vor. Mit der Zeit wurde aber eine liebgewonnen Gewohnheit daraus die ich später schon irgendwie vermisste. Sie war hald eine liebe Frau und gute führsorgliche Mutter.
Die Jugendweihe rückte immer näher und damit auch der Termin zum Jugendbesuch in einem Konzentrationslager. Jeder Jugendlicher der damaligen DDR musste wenigstens einmal vor oder nach seiner „Weihe“ ein KZ besucht haben. So stand es im Lehrplan. Also fuhren wir an einem sonnigem Frühlingstag nach Weimar. Genauer gesagt nach Buchenwald zum gleichnamigen KZ. Der Besuch machte mich hinterher sehr betroffen. Dabei ging es nicht nur um die Art des vermittelten Geschichtsunterrichtes, sondern um die Tatsache was wirklich in diesen Einrichtungen damals geschah. Es waren Erlebnisse des Grauen, auf die ich auch gerade deswegen nicht näher eingehen möchte. Nur vielleicht soviel dazu. Wir bekammen den sogenannten „KZ Film“ in seiner Originalfassung zu sehen. D.h. es war eine Filmfassung, die gleich nach der Befreiung 1945 durch die Amerikaner gedreht wurde. Diese Version wurde ein letztes mal bei uns vorgeführt, weil die gezeigten Bilder und Dokumente, einige Jugendlichen damals krank machten. Viele mussten den Filmsaal vorzeitig verlassen und die anschliesende Führung abbrechen. Man entschärfte später dieses Filmdokument. Als ich viele Jahre später jenen Filmbericht mir ein zweites mal - diesmal privat - anschaute, waren viele Passagen entweder gekürzt oder ganz gestrichen wurden. Jedenfalls war es ein bleibendes Erlebnis, dass mich auch in manch anderer Hinsicht damals schon sehr nachdenklich und auch kritisch in der Betrachtungsweise werden lies.
Endlich war es soweit. Wir hatten nun unsere Blauhemden, waren vollwertige FDJ ler und Kanditaten der Jugendweihe. Verbunden mit diesem „Festakt“ - schliesslich sollten wir nun in der Schule auch mit „Sie“ angesprochen werden - ging der Stress der entsprechenden Kleiderordnung noch vorraus. Eigentlich war es mir egal wie und mit was ich da vorne auf der Bühne den „Schwur der Jugendweihe“ ableisten würde. Aber wie das nun mal bei den lieben Eltern so ist und war:“für mein Kind nur das Beste“. Es waren ja nicht nur die „Ballkleider“ der Mädchen und Anzüge der Jungen, die manch Familie vor die finanzielle Frage der Unvernunft stellten. Da war noch die anschliesende „Familienfeier“ welche auch organisiert werden musste. Meine Mutter war wie gesagt alleinerziehender und verdienender Elternteil für mich. Die Geschwister waren zwar schon aus dem Haus und wirtschaftlich relativ selbstständig, was die ganze Sache aber auch nicht einnfacher für die gute Frau machte. Entsprechende Bekleidungsstücke für einen festlichen Anlass wie die Jugenweihe, waren ziemlich überteuert. Wobei im Nachhinein ich sagen muss, das die Verarbeitung der „Kombination“ welche mir meine Mutter am Ende zugestand, von ausserordentlicher Qualität war. Nur mit dem Kulturstrick, konnte ich mich nicht richtig anfreunden und riss ihn nach der Feierstunde trotz Protest meiner Frau Mama vom Hals. Und so stand ich mit einer blauen Jacke aus Synthetikmaterial, einer weissen Rundstrickhose, gelben Hemd nebst blaukaschirter Krawatte und mit meinen hellgrauen Schuhen auf der Bühne und leistete den Schwur, welchen schon zehntausende vor mir und Millionen noch nach mir ableisten sollten. Es war ein erhabender Augenblick aus vielen Kehlen gleichzeitig dieses:“...das geloben wir....“ zu hören. Untermahlt wurde anschliesend dieser feierliche Akt der „Sozialistisierung“ noch durch entsprechende Klänge von „Freude schöner Götterfunken...“ Welch Ironie. Die anschliesende Familienfeier lief so ab, wie alle Feiern unsere Familie sich in Zukunft gestalten sollten. Es wurde reichhaltig gegessen, noch reichhaltiger Getrunken und anschliesend entsprechende Diskussionen geführt, welche sich oftmals am Rande von familieären Zerwürfnissen bewegten. Mein schwer erarbeitetes Feriengeld, sowie das Jugenweihegeld brachten mich ein grosses Stück an meinen Wunschtraum näher. Ein eigenes Moped.
Am Abend dieses denkwürdigen Tages, verlies ich heimlich meine angetrunkenen „Gäste“, um mich heimlich mit den anderen aus der Klasse in einem Park zu treffen, um endlich unser eigenes „Erwachsenwerden“ zünftig wie Erwachsene zu begiessen.
Zum Glück hatten wir am folgenden Tag Schulfrei bekommen....
Den Binder habe ich übrigens sogar noch bis zu meinem Umzug in mein neues Leben von heute, in den Tiefen prähistorischer Erinnerungskisten verstecken können. Ich habe ihn doch wirklich nur einmal tragen müssen.